Besuch im Mausoleum

Kürzlich zwang mich der Extrawunsch eines Kunden, die Konkurrenz zu besuchen. Der bestellte Wein war wirklich erstklassig, und ich freute mich über diesen schönen Zusatz-Auftrag.

Ich war mir bewusst, dass diese Weinhandlung je nach Tageszeit vermutlich rege frequentiert wurde und stellte mich auf eine lange Wartezeit ein, bis mir der Gedanke kam, mich mittags, wenn alle essen, dort einzufinden. Vorsorglich meldete ich meinen Besuch telefonisch an und fuhr schliesslich vor. Ha, frohlocke ich siegessicher im Stillen, es klappt, alle Parkplätze waren leer! Als ich jedoch eintrat, stand da schon ein älterer Mann vor der Kasse, ein jüngerer Typ suchte sich Whisky aus und es befand sich sogar noch einer im Laden, welcher sich irgendwie zwischen den Weinregalen herumdrückte, und ziemlich unschlüssig schien, was er überhaupt wollte. Toll, das sah nach langer Warterei aus, genau das wollte ich verhindern. Ich ärgerte mich im Stillen und hoffte auf ein schnelles Ende.

Meine Mittagszeit war begrenzt, ich sollte um 14.00 wieder öffnen und ich überlegte mir bereits, ein anderes mal wiederzukommen, als ich mich doch zum Bleiben entschied.

Der ältere Mann schob gerade seine EC-Karte in das Zahlungsterminal, als ihm einfiel, noch ein paar Flaschen südafrikanischen Weins zu wollen. Zum Glück wusste er welche Sorte, das sparte Zeit, und ein Zusatz-Karton wurde herangerollt. Mir fiel auf, dass der Verkäufer wohl eine Butler-Schule besucht haben musste, so formvollendet und höflich wie er bediente. Seine Haltung war perfekt, seine Sprache gewählt und diskret leise, mir schien jedoch dass eine gewisse Unterwürfigkeit von ihm ausging. Dies musste der ältere Knabe wohl gespürt haben und offensichtlich gefiel ihm die erstklassige und vorzügliche Behandlung. Er schien sich dadurch wohl und auch besser zufühlen, und wollte allen Vorzeichen nach dieses Erlebnis auch länger auskosten. Er stellte sich auf die Fersen, wippte darauf hin und her und streckte das Kinn nach vorne, während er distinguiert weitere Bestellungen aufgab. Der Butler, äh Verkäufer, reagierte prompt und verschwand mit schnellem Schritt in die Lagerkatakomben und ich könnte schwören, den leisen Andeut eines Knicks bemerkt zu haben. Dieser Mann entpuppte sich allmählich als Grosskunde, denn nun geriet er vollends in einen Kaufrausch, (Das Beste für jeden Weinhändler...) und stapfte dafür zielstrebig mit bauschenden Mantelstössen von links nach rechts und zog zwischendurch gewichtig sein Handy hervor, um es unbesehen wieder verschwinden zu lassen.

Ich sah verstohlen auf die Uhr, wenn’s jetzt schnell geht, könnte ich’s noch schaffen bis 14.00 Uhr. Der Verkäufer eilte mit der nächsten Kiste daher und nahm mit ehrfürchtige Mine die nächste Bestellung entgegen. Zack, und weg war er wieder! Inzwischen hatte der Knacker das Eck mit den Südfranzösischen Weinen entdeckt und mit Schrecken sah ich ihn darauf zusteuern. Glücklicherweise interessierten ihn diese Möste doch nicht, wenn nach kurzer oberflächlicher Etikettenschau steuerte er zurück zur Kasse. Aaah... Wunderbar.

Wo waren denn die anderen Zwei? Ich sah mich um, der Typ mit dem Whisky stand noch immer unbeweglich vor dem Gestell und der andere schlich immer noch ziellos herum.

Die Klimaanlage gab ihr Bestes, und vom ständigen Herumstehen fror ich inzwischen.

Was war hier bloss los, fragte ich mich im Stillen. Kein Geräusch war hier zu hören, keine angenehme Musik, kein fröhliches Geplauder oder Lachen. Nichts, einfach nichts. Ich kam mir vor wie in einem Mausoleum, wo gewispert, geflüstert und nur mit unterdrückter Stimme gesprochen werden darf. Ein toter Raum, eine Gruft und jedes Geräusch wäre mir lieber als diese Totenstarre, mit der sich irgendwie alle zu assimilieren schienen. Was war das hier, der Club der Toten Weintrinker? Musste man hier einen Jahresbeitrag zahlen um in den Genuss dieser morbiden Bedienung zu kommen, um sich im Ausschluss der lebendigen Öffentlichkeit in diese Gruft hierher zurückziehen und genüsslich der Totenstarre huldigen zu können? Ich wünschte mir dass endlich mal einer einen Furz liess, und ein Zeichen von Leben von sich gab.... ja stellen Sie sich das mal vor!

Der eifrige Verkäufer kam mit staubiger Schürze und weiteren zwei Kartons Wein zurück.

Der Rest interessierte mich nicht mehr, ich hielt es keine zwei Sekunden länger hier aus, und flüchtete zurück ins Leben.

Aus dem Augenwinkel sah ich noch den ehrwürdigen Butler, der dem Käufer seinen Einkauf zum Auto rollte, ihm unaufgefordert und formvollendet die Autotüren öffnete und diese, diesmal mit deutlichem Bücken seiner Statur, sogar wieder schloss...

Nach diesem gruseligen Erlebnis ging ich in meinen Weinkeller und suchte mir eine Flasche Trévallon 2006 heraus.

Ich gönnte mir ein Glas dieses wunderbaren Franzosen und spürte voller Zufriedenheit die Eleganz, Mineralität und Lebendigkeit dieses köstlichen Tropfens. Ja, das Leben war wieder in Ordnung...

Mai 2016 Copyright by Yvonne Kunz