Die Hochzeit meiner Schwester


Liebe Kunden, vielleicht hatten Sie mal wieder das Pech vor meiner verschlossenen Ladentüre zu stehen, diesmal mit einem Vermerk, dass ich gerade im Ausland verweile. Wenn dem so ist, tut es mir leid, und ich möchte Sie an dieser Stelle gerne dafür an ein paar Erlebnissen meiner Reise teilhaben lassen, die für den Ladenzettel „verantwortlich“ war. (Dasselbe gilt natürlich auch für alle Besucher meine Homepage, die gerne lesen oder sich für die wichtigen Momente ihrer Mitmenschen interessieren.) 

Also, es war einmal.... 

meine Schwester Gabriele, die es sich quasi von heute auf morgen in den Kopf setzte in Sri Lanka heiraten zu wollen. Da sie sich vor über einem Jahr während ihres Ayurveda-Aufenthaltes unsterblich in das Land allgemein und auch noch in einen einheimischen Mann verliebte, war es für sie das Naheliegendste ihre Wurzeln dort weiterhin zu schlagen. Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, war das aufgrund der Plötzlichkeit für alle unvorbereitet und schon ein Grund um sich auch Sorgen zu machen. 

Da man aber bekanntlich Reisende nicht aufhalten soll, hielten wir uns brav an die Devise und ich hielt es stattdessen für schlauer doch einfach an ihrer Hochzeit dabeizusein. 

Ich reiste alleine, da sich keiner so kurzfristig frei nehmen konnte (ha, das ist schon ein grosser Vorteil wenn man selbständig ist...) um mich zu begleiten, oder andere Gründe wurden genannt. (Es ist schon erstaunlich was einen alles an einer Reise hindern kann...wenn man nicht will! Alle Interessierten hatten plötzlich einen wichtigen Grund um nicht mitzukönnen... Warum sagt man das dann nicht einfach?) Ich sah mich also mit der Tatsache konfrontiert gar nicht zu reisen, oder eben allein. Dann halt allein...Wer noch nie so gereist ist, dem kann ich es nur empfehlen dies irgendwann zu tun. Ich hatte ja anfangs schon ein paar Bedenken, oje wie langweilig und dann als Frau so alleine....Alles kein Problem, ich sass im Flugzeug nach Sri Lanka und noch nie verging ein Flug so rasch wie dieser. Ich flog mit der Edelweiss Air und habe sehr gute Erfahrung damit gemacht. Das Personal war sehr nett, die Frauen ebenso hübsch, und es mangelte einem an nichts. Der Airbus 330 sah relativ neu aus, krachte nicht auseinander, sondern flog mich brav an mein Ziel. 

Lesen Sie hier nun ein paar persönliche Zeilen.

 Halt, da gab es ja noch die Reisevorbereitungen 

Da der grosse Tag meiner Schwester am 20. März sein sollte, und ich meinen Flug kurzfristig und in aller Eile erst knapp 10 Tage davor buchte, hatte ich noch viel zu tun bis zur Abreise. Da ich das erste mal in dieses Land einreiste, rief ich erst mal das Tropeninstitut an um mich zu erkundigen ob und gegen was ich mich pieksen lassen muss. Malaria ist natürlich immer wieder ein Thema dort, man riet mir jedoch in Anbetracht der kurzen Zeit keine Prophylaxe zu machen, sondern lediglich ein Notfallmedikament mitzunehmen. Wussten Sie dass man bei Malaria mit einer Inkubationszeit von einer Woche bis zu einem Jahr!!! rechnen muss? Ich war überrascht. Bitte denken Sie selbst unbedingt daran, wenn Sie mal in eine Malaria-Region reisen, dass das so spät noch ausbrechen kann! Beim Arzt musste ich mein Shirt dann doch noch ausziehen um den ungeliebten Stich gegen Diverses entgegenzunehmen. Ausserdem war noch eine mehrtägige Immunisierung gegen Darmtyphus durchzuführen. Ich kam mir vor wie ein Kranker, als ich mit einem ganzen Packen voll Notfallmedikamente und Empfehlungen endlich ging.... 

Um den lästigen Mücken Einhalt zu gebieten, musste noch eine Flasche hochwirksames „Antibrumm Forte“ gekauft werden und ein paar Klamotten, mit langen Ärmeln und hellen Farben. Das Heimtückische ist ja nicht nur der Abend, wenn’s eindunkelt. Wer denkt, dass nur dann die Mücken aktiv sind, irrt. Man muss auch den Tag berücksichtigen, denn dann sind andere eklige Mücken „am Drücker“. Endlich war alles zig mal kontrolliert, Pass dabei? Tickets?, Geld und Kreditkarte? Ja, ich konnte mich endlich in Ruhe in den Autositz zurücklehnen und mich von meinen Eltern zum Flughafen fahren lassen. Es ging los... 

Mein erster Flug alleine... 

Wenn ich wie bisher zu zweit reiste, machte ich mir eigentlich nie Gedanken darüber, wo geht’s zum Einchecken? Zur Passkontrolle ? Zum Gate? Nein ich zottelte jeweils vertrauensselig meinem Freund hinterher, anders war’s diesmal! Ich muss schon sagen es tut unwahrscheinlich gut mal für alles selbst verantwortlich zu sein, keinen Kofferträger zu haben, alles selbst tun zu müssen. Das tönt eigentlich nicht besonders spektakulär, aber sind es nicht oft die kleinen Dinge des Alltags, die manchmal so wichtig sind und vieles nach sich ziehen? Alles klappte bestens, ich fand sogar zur Sky-Metro (hatte schon befürchtet ich komme gar nicht ans richtige Gate...) und ging bald an Bord. Meine Sitznachbarin, eine sehr nette ältere Frau stellte sich mit einem herzlichen Händedruck vor, und es stellte sich heraus, dass diese Frau recht gesprächig und nett war, zum Glück über spannende Themen zu berichten hatte, statt einen nur eintönig vollzuquasseln. Der Flug verging sehr schnell, es passierte zum Glück nichts schlimmes wie etwa arge Turbulenzen, Triebwerkausfall oder ein hässlicher Brand an Bord. Wir hatten auch mit keinem Verbrecher zu tun, der wie im Film überführt werden musste. Nein, alles ging seinen normalen Verlauf, mit all dem was man halt so tut während eines Fluges: Essen, Film gucken oder Musik hören, inklusive der ewigen Toiletten-Springerei. Die engen Toiletten und das enorme Gebläse von der Decke schätze ich in der Regel nicht so am Fliegen. Ach was soll’s, ich sollte noch erfahren, dass man andernorts froh wäre wenn man nur eine halb so grosse Toilette hätte. Mein bisheriges Luxus-Denken und Verwöhntsein sollte auf dieser Reise noch arg ins Schwanken kommen, völlig anderen Massstäben für wirklich Wichtiges Platz machen, und das war gut so! 

Der Airbus 330 setzte also nach knapp 10 Stunden zur Landung an und entliess uns „Urlauber“ aus seinen schützenden, metallischen Eingeweiden.... 

...und endlich konnte ich meine winterlichen ungebräunten Füsse auf Sri Lanker Boden setzen. Da war ich also, im Traumland meiner Schwester. Naja, ganz so romantisch wie sie empfand ich’s zuerst noch nicht, denn statt betörend lauer Lüfte bekam ich erstmal eine ziemliche Ladung Flugbenzin zu riechen... 

Das Wiedersehen.... 

Also, schnell rein in den Flughafen-Komplex, am besten rascher als alle anderen, aber verdammt noch mal, wo geht’s denn überhaupt lang? Puh, ich habe Glück, komme ziemlich schnell ins vordere Drittel der Schlange und kann es kaum abwarten mein Gepäck vom Band zu hieven und wünschte ich wäre schon durch die Passkontrolle. Ich wollte endlich meine Schwester und ihren Bräutigam Chandika umarmen. Chandika kannte ich bis anhin nur von ein paar Fotos, wusste lediglich dass er nett aussah und liebenswürdig abstehende Ohren hatte. (Nein das meine ich nicht ironisch! Wirklich! Bei manch anderem hätte das komisch, seltsam oder störend gewirkt, bei ihm jedoch passt es super zum Typ, ja es wäre sogar schade wenn er dieses sympathische Merkmal nicht hätte, sehen Sie selbst später...) 

So, endlich teilt sich die letzte Türe, die uns Ankömmlinge von der Masse der Wartenden trennt. Ich atme nochmal tief durch, konzentriere mich und durchschreite die Öffnung. Ich sehe jedoch nur fremde Gesichter, hat Gabriele etwas verschlafen? Oder ist was dazwischen gekommen, denk ich benommen. Mensch, bloss nicht! Immer noch Namenstafeln und fragende Antlitze. Und dann, endlich sehe ich das mir vertraute „weisse“ Gesicht. „Hey, hier!“ schreie ich und wedle wild mit meinen Armen. Sie sieht jedoch konzentriert in die andere Richtung und erspäht mich immer noch nicht. Plötzlich weicht ihr angestrengter Ausdruck und eine grosse Freude erhellt ihr Gesicht. Wir laufen aufeinander zu, freuen uns wie die Blöden und umarmen uns in grosser Freude. Mann, ich hab’s geschafft. Nun bin ich wirklich hier, denke ich und eine tiefe Zufriedenheit erfüllte mich. 

Happy End.... 

Nein, natürlich nicht... Erst muss ja noch geheiratet werden! 

Hochzeitsvorbereitungen, Pannen und Unpässlichkeiten

Eigentlich war folgender Plan vorgesehen: Hochzeit, anschliessend Hochzeitsreise mit den Gästen und schliesslich Rückkehr aller Beteiligten. Ich wollte meiner Schwester jedoch lieber bei ihren Vorbereitungen behilflich sein, (Ist doch schliesslich der Traum jeder netten, fürsorglichen Schwester, oder nicht?) und auch meine späte Flug-Bucherei vereitelte den Ursprungsplan. Ausserdem dachte ich mir, wollte ich das junge Hochzeitspaar nicht durch meine Anwesenheit unnötig stören . Die haben vermutlich andere Interessen... 

Da Gabriele eine traditionelle Hochzeit plante, brauchte sie wie die einheimischen Frauen lange Haare für die komplizierte Hochsteckfrisur. Tja, leider hat sie halblange dunkelblonde Haare, was sich als echtes Problem herausstellte. Finden Sie mal in Sri Lanka ein künstliches Haarteil, womöglich noch in dunkelblond. Ein Ding der Unmöglichkeit. Um nicht noch mehr Zeit zu vergeuden war sie gezwungen einen pechschwarzen Kunststrang zu kaufen. Mit diesen Ding gings dann zum angeblich modernsten Frisör der Gegend, was ich jedoch nach einem Blick ins Ladeninnere aufs Äusserste bezweifelte. Die ganze Lokalität war dunkel wie ein Rattenloch, man musste auf muffigen, unbequemen Sitzmöbeln warten, und zu allem Übel stank es überall abscheulich nach Toiletten-Mief. Der Besitzer, ein netter Typ, führte uns in seine VIP-Lounge, ein anderes Abteil dieses Kabuffs. Ich wunderte mich dass man in dieser äusserst dunklen Umgebung überhaupt die Haare findet, die es zu schneiden gilt. Ausserdem fragte ich mich wie lange es wohl gehen mag, bis man augenkrank oder zum Epileptiker wurde, da das schummrige Licht leider auch noch ziemlich unruhig flackerte. Wem es also schon mal schlecht wurde, konnte jedoch getrost auf einer improvisierten klapprigen Liege flach liegen, die dort mit Fuss-Schemel zur „Vip-mässigen“ Lagerung zwecks Haarwäsche diente. Die Nähte waren ausgerissen, und der Inhalt quoll unappetitlich heraus. Ich wagte einen Blick in die Wasch-Schüssel, was ich lieber hätte lassen sollen. Der Wasch-Trog sah unheimlich schäbig aus, war entweder steinalt, oder/und war nach der Benützung vermutlich nie gesäubert worden, zudem lagen noch gebrauchte Färbepinsel und allerlei anderes Zeugs drin herum. Ein wirklich übler Anblick. Dort also, hing das Haarteil von Gabriele, völlig nass und dunkel wie ein totes trauriges Frettchen...

Der Frisör liess sich jedoch nicht beirren und schickte uns weg mit dem Versprechen in einer halben Stunde sei er fertig. Ha, das glaubten wir ihm....nein, natürlich nicht! Wir kamen wieder und sahen immer noch das „Frettchen“ genauso leblos und nass dort hängen, dass wir uns schon fragten ob wir es wohl selbst föhnen mussten. Wir wurden nochmals vertröstet und als der Inhaber endlich einsah, dass seine Färbeversuche gescheitert sind, (Er wusste wohl nicht, dass er dunkle Haare ohne zu bleichen nicht heller färben konnte) schickte er uns weg mit der Order nun Goldspray zu bringen. Wir fuhren also wieder weg, und suchten das verflixte Goldspray. Nun aber schnell zurück, da wir schon immens viel Zeit verloren hatten. Endlich hing der Schwanz getrocknet und geföhnt in seiner ganzen schwarzen Herrlichkeit am Ständer. Der Mann gab nun sein Bestes, kniete sich auf alle Viere am Boden hin und breitete sorgfältig den Strang auf einer Zeitung aus, und sprayte was das Zeug hielt. Erfolgreich nebelte er auch uns mit dem Farbspray ein, setzte nun zum Endspurt an.....und ....nein, es nütze leider alles nichts. Die Mission schlug total fehl, und wir mussten uns nun mit einem rötlichen Haarteil begnügen, das zu allerletzt noch unheimlich kompliziert in Alufolie eingewickelt wurde, damit es nicht noch abfärbte. Können Sie sich vorstellen dass so etwas eine Braut bei uns hier akzeptieren würde? Sie würde vermutlich Amok laufen, dort hingegen muss man tatsächlich mit allem rechnen und findet sich auch mit vielem ab. Es ist halt wie es nun ist. Manchmal nicht schlecht wenn man so eine Haltung haben kann, aber eben...

Ja, und dann fiel Gabriele auf, dass sie unmöglich im Sari heiraten kann, mit einer billigen Plastik-Swatch am Handgelenk. Es musste also noch eine passende Uhr gefunden und gekauft werden. Wir fanden einen Juwelier, der einen sehr knapp bemessenen Laden in schlauchartiger Form besass. Kaum zu glauben, aber auf diesem engen Raum tummelten sich Arm an Arm sechs Verkäufer, vermutlich vom Besitzer bis zum Lehrling. Wir nahmen Platz und wurden auch sogleich bedient. Gabriele fand schnell was sie suchte, und kaufte eine schöne goldfarbene Uhr, die ihr dann in ein Schmuckdöschen eingepackt wurde, was ich erst für einen ausrangierten alten Crème-Tiegel hielt, nach genauem Hinsehen jedoch tatsächlich einen aufgedruckten Schriftzug des Geschäftes darauf ausmachen konnte. Also doch kein alter Crème-Topf... Ich hätte schwören können...

Endlich Hochzeit

Ja, und dann zog sich Gabriele kurz vor der Hochzeit noch einen üblen Durchfall zu, den sie sich vermutlich durchs Essen am noblen 5-Stern-Hotel-Buffet holte. (Der Name bleibt ausdrücklich geheim...den darf ich, Sie wissen schon, aus rechtlichen Gründen nicht nennen) Wir hatten im Trubel der Hektik mal wieder Hunger und wollten im besagten Hotel eigentlich nur die saubere Toilette benutzen (ja ja, das hat man davon...) als uns jedoch die unwiderstehlichen Gerüche von feinstem Essen in die Nase stiegen, wurden wir schliesslich trotz Zeitdruck schnell schwach. Nach einem ausführlichen Blick in die Speisekarte entschied ich mich mal wieder für was Bekanntes, ich bestellte Grilled Beef-Fillet with Baked Potatoes and Vegetebal. Eine gute Wahl, wie sich noch herausstellen sollte. Gabriele und Chandika zog es jedoch zum üppig, leckeren Hotel-Buffet, das als Krönung mit einem riesen Eisblock in Gestalt eines Pferdes geschmückt war. Sie kamen mit appetitlich gehäuften Tellern zurück und insgeheim fragte ich mich schon ob ich mich ihnen hätte anschliessen sollen...Hmm...Wissen Sie, ich hatte bisher so eine besondere Gabe... Früher war es nämlich so, dass Urs, mein Freund in den Ferien jeweils immer das bessere und leckere Essen als ich bestellte, und mir dann oft seinen Teller rüberschob, als er sah dass mir meine Wahl nicht schmeckte. Ja, es gibt tatsächlich noch Gentlemen, und ich denke Urs ist eines dieser wirklich seltenen Exemplare. Ich glaubte also tatsächlich, oje schon wieder so eine Situation. Während ich auf meine Bestellung wartete und die beiden sich am Buffet verausgabten, genoss ich die erfrischende Luft, die zu mir herüberwehte, und die zufriedenen Geräusche von den Gästen, die am Pool vor dem Restaurant die Sonne genossen. Was jedoch die Idylle und Diskretion der Anwesenden etwas störte, waren die Urlauber, die völlig ungeniert in knappsten Badehosen und halb nackt das Restaurant in Adiletten durchquerten....

Wir hätten noch länger verweilen und unsere vollgeschlagenen Mägen ausruhen und ihnen etwas Zeit gönnen mögen, wir mussten jedoch weiter, bezahlten und fuhren schliesslich unserem weit entfernten Ziel Pinnawela entgegen. Viele Urlauber kennen diesen Ort durch das berühmte Elefanten-Waisenhaus. Auf der Fahrt dorthin bekam meine Schwester kann schliesslich ihren fulminanten „Dünnpfiff“ mit aller Wucht zu spüren. Der Abend war gelaufen, das können Sie sich ja vorstellen. Ich verschwand bald mal in mein Hotelzimmer, das sich auf den ersten Blick als ganz angenehm ausmachte. Was sah jedoch mein kritisches Auge auf den zweiten Blick? Ein Gecko flitzte durch den Raum! Ach, der macht mir schon nichts...Ich wollte schliesslich ins Bett und das Moskito-Netz aufspannen, als ich sah, dass dieses durch ein wunderschönes grosses Loch verunstaltet war. Ausserdem war es so schmuddelig und unappetitlich, dass mir beim Gedanken es nicht anfassen zu müssen wohler war. Die Krönung folgte jedoch im Badezimmer. Da ich keinen Stuhl oder Ablage dort hatte kramte ich in der Hocke im Beauty-Case, fand endlich meine Zahnbürste und sah mich beim Aufrichten Auge um Auge mit einer riesen grossen, fetten Kakerlake...Nein, ich schrie nicht vor mich hin, musste aber schon schlucken...Schliesslich folgten noch ein paar harmlose Momente, wie etwas dass die Toilettenspülung versagte und sich der Warmwasseranschluss als pures Kalt entpuppte. Ach ja, und zwischendurch gab es noch Stromausfall, was ein Versagen der Klimaanlage und Dunkelheit verursachte. Ich lag also endlich im Dunkeln, wie es sich gehört fürs Bett!

Die Ausführungen dieser unruhigen Nacht mit lähmender Schwüle und äusserst dünner Matratze erspare ich Ihnen, man weiss ja schliesslich etwa wie es sich anfühlt wenn man gerädert aufwacht und einem alles wehtut.

Ich konnte es demnach kaum abwarten, endlich den Morgen zu begrüssen, um dieser üblen Falle zu entkriechen, (Glauben Sie bloss nicht dass ich übertreibe, ich brauchte wirklich fast Hilfe...) dann geradewegs in die kühlen frischen Klamotten und ab ins Freie. Ich hatte wirklich genug!

Draussen erwartete mich meine Schwester bereits zum Frühstück auf der Terrasse, die eine wirklich berauschend idyllische Aussicht auf den Fluss freigab, und erkundigte sich interessiert ob ich gut genächtigt hätte...

Meinem finsteren Gesicht zuliebe, und wegen dem vernichtenden Kommentar, wurde für mich schliesslich ein neues Hotel gesucht, was sich natürlich auch wieder als kleines Abenteuer erwies. Trotz fixer Buchung für zwei Nächte konnten wir jedoch zum Glück den Rezeptionisten davon überzeugen, dass ich dringend abzureisen habe. Sein irritierter Ausdruck gab uns zwar zu verstehen für was für komische Käuze er uns hielt, er verhielt sich jedoch sehr höflich und verabschiedete sich unverbindlich. Wie ich inzwischen erfuhr, hat sich der Durchfall meiner Schwester etwas beruhigt, die morgendliche Gemüsesuppe tat wohl endlich ihre Wirkung. Der Erfolg meiner Flucht aus dem Resort sorgte bei mir schliesslich für gute Stimmung, und trotz Zeitnot und körperlicher Unpässlichkeiten aller Beteiligten fühlte ich mich wieder wohler.

Mein zukünftiger Schwager machte es sich also zur ehrenhaften Aufgabe mir zu einem anderen Hotelzimmer zu verhelfen. Er, als Einheimischer, hatte wohl einen Bonus, denn es gab zwar nirgends ein freies Zimmer, jedoch viel nette Gesten, Gespräche und Kontakte mit den Angestellten. Wir klapperten zu zweit (meine Schwester fühlte sich immer noch nicht so richtig bei Kräften, und das einen Tag vor der Hochzeit...!) ein Hotel nach dem anderen ab, wurden jedoch nicht fündig, oder wenn, warnte mich Chandika aufgrund eigener schlechter Erfahrung wegen schon mal vor gewissen Zimmern mit Betten, die schon zusammengekracht seien....Ich sah mich in Gedanken mit dem Hals in der Schlinge an der Hochzeit meiner Schwester....Nein, ich konnte kein Risiko eingehen, die Suche musste weitergehen. Und dann endlich fand sich doch noch ein Zimmer, in dem das Bett angenehm, der Raum sauber, und auch das Bad benutzbar aussah. Ich drehte den Schlüssel und ab ging‘s zu den letzten Vorbereitungen, die noch viel Zeit in Anspruch nahmen. Der Tag ging unheimlich schnell rum, ich weiss ehrlich gesagt gar nicht mehr was wir alles noch erledigten, lediglich ein paar wichtige Momente fallen mir noch ein. Gabriele und ich hockten irgendwann am Nachmittag am Fluss und konnten uns endlich ein paar müssige Minuten gönnen, die wir mit tiefgründigen schwesterlichen Gesprächen und Eindrücken füllten. Es tat unheimlich gut die Beine von sich zu strecken und die Luft, die Wärme und die Stille zu spüren. Ich hatte Zeit und Raum mir meiner Anwesenheit in Sri Lanka bewusst zu werden und ein grosses Glücksgefühl erfüllte mich. Es war gut dass ich hier war. Ich genoss die letzten „unbeschwerten“ Momente vor der Hochzeit mit meiner Schwester, die wir bewusst zu zweit erlebten und gab mich ganz dem Hier und Jetzt hin. 

Gabriele bestätigt, dass sie mit Chandika sehr glücklich ist, ohne ihn würde sie jedoch wahrscheinlich nicht hier bleiben wollen. Mit ihm jedoch keine Frage! Ich erkenne, dass es für mich ein besonderes Privileg bedeutet, meine Schwester in dieser Zeit begleiten zu können, und wieder einmal bin ich von der Mission dieser Reise überzeugt und tiefe Befriedigung macht sich in mir breit. Morgen, überlege ich mir, werde ich früh aufstehen müssen. Ich werde viele neue Bekanntschaften machen und viele neue Eindrücke gewinnen. Wir brechen langsam auf, da sich Gabriele noch für kurz oder länger in meinem „alten“ Hotelzimmer (ja, tatsächlich das schreckliche Kakerlakenzimmer aus dem Resort....!) einnisten muss, da es doch immerhin doch noch über einen lauwarmen Anschluss verfügt, und sie in ihrem wirklich nur eiskaltes hat. Da sie sich noch ein paar Schönheitsritualen hinzugeben hat, haben wir das Zimmer doch wieder gebucht. Während sich Gabriele also im kargen Badezimmer die Haare wäscht und sich sonstigen Schönheitsbehandlungen hingibt, sitze ich im Schlafzimmer auf dem Stuhl und warte geduldig, während wir uns zwischen Duschgeräuschen und Haargeföhne zu unterhalten versuchen. Bevor die Haare jedoch getrocknet werden können, muss erstmal das Schampoo entfernt werden, das sich hartnäckig im Haar zu halten versucht. Gar nicht so einfach mit lauem Wasser. Ausserdem muss sie sich wirklich überwinden die Enthaarungscrème aus allen Winkeln mit dem kühlen Nass zu entfernen. Arme Gabriele, sie hat es wirklich nicht gerade luxuriös und feudal, denke ich mit grossem Mitgefühl. Von ihr kommt jedoch kein missgelaunter Ton, Klagen oder ähnliches....Sie ist wirklich unkompliziert, Kompliment! Inzwischen habe ich auch wieder den Gecko an der Zimmerwand entdeckt und zu meinem Erstaunen gibt er ein Geräusch von sich. Nachdem Gabriele fertig ist, gehen wir in ihr eigenes Hotelzimmer zurück und warten auf die anderen. Das sind Chandika und die Frau, die ihr nachher zur Probe ins Hochzeitsgewand hilft, und dafür sorgt, dass sämtliche Nägel schön lackiert sind. 

Da ich inzwischen ziemlich müde bin und meine Anwesenheit nicht länger erforderlich ist, entschliesse ich mich ins eigene Hotel zurückzukehren. Mein zukünftiger Schwager Chandika erbietet sich glücklicherweise mich sicherheitshalber zu begleiten, was ich dankbar annehme. 

Was nachher folgt kennen Sie ja von sich selber. Zähne putzen, Abendtoilette, Dusche nach dem anstrengenden Tag und natürlich das parat legen sämtlicher Accessoires für den kommenden grossen Tag. Ich bin froh endlich im Bett zu liegen, finde jedoch ziemlich schlecht in den Schlaf. Es ist mal wieder unglaublich schwül, und nach einem kritischen Blick auf die Klimaanlage stelle ich fest, dass mich das Gebläse vermutlich am kommenden Morgen auf die andere Seite des Zimmers geblasen hätte, wenn ich es einstellen würde. Dann halt nicht! Nach zigmal hin und herwälzen liessen mich die räudigen Hunde nicht zur Ruhe kommen. Stundenlang, bitte glauben Sie mir das, stundenlang also bellten unsichtbare Hunde vor dem Hotel, und liessen nicht nach. Man mag nicht glauben dass ein Hund ein solches Durchhaltevermögen, geschweige denn Stimmvolumen hat, um stundenlang durchzubellen ohne heiser zu werden oder die Stimme zu verlieren. Erst drehte ich mich gleichgültig zur Seite mit der sicheren Ahnung; die werden schon aufhören....Sie kläfften weiter...Inzwischen ärgerlich, hoffte ich auf ein Versagen der Stimmen, sie bellten jedoch immer noch. Schlussendlich wünschte ich mir wütend dass endlich einer mit seinem Gewehr auftauchen würde! Ja, so weit kann man kommen. Dieses Zugeständnis beschämt mich insbesondere, da ich mich bisher für einen grossen Hundefan hielt. Während ich dieser Nacht hochkonzentriert dem wüsten Gebell lausche, höre ich zu meinem Schrecken ein weiteres Geräusch. Konnte es sein dass ich den Wasserhahn nicht richtig zugedreht hatte? Ich weiss nicht zum wievielten mal ich mich bereits in dieser Nacht aus dem Bett fläzte. Ein weiteres mal folgte also. Nein, der Hahn war fest zugedreht. Irgendwo anders tropfte es stets und unablässig. Das kann einen wirklich fertig machen. Sie hören in aller Deutlichkeit dieses elende Geräusch und haben keinen Einfluss dem endlich ein Ende zu machen.

Zu allem Übel kommt noch ein scheusslich wirrer Albtraum, doch endlich ist es morgen. In aller Frühe gehe ich aus dem Haus, die Videokamera im Anschlag. Es ist kurz vor sieben Uhr morgens und ich bin praktisch allein auf der Strasse. Hin und wieder begegne ich einem Strassenwischer, sonst niemandem. Es ist schon ein wenig gespenstig, so früh und alleine auf der Strasse. Ich mache gerade meine ersten Einstellversuche mit der Kamera, als ein einzelner streunender Strassenhund auf mich zugerannt kam. Er sah schrecklich aus. Sein Fell fehlte ihm an vielen Stellen, die wenigen Haare waren von schwarzem Ungeziefer übersät und seine Schnauze war eine einzig blutende Stelle. Ich war zwischen Mitleid und Ekel hin und her gerissen. Er kam in friedlicher Mission und schwänzelte freundlich. Ich dachte mir, o Gott, nein keine Käfer oder so. Die soll er bloss selber behalten, und versuchte ihn zu ignorieren. Plötzlich sprang er jedoch unverhofft an mir hoch. Ich erschrak und schimpfte mir ihm. Pfuuuiiiiii! Ein neuer Hüpfer! (Ich hatte ein helles Kleid an und der Hund hatte dreckige Pfoten vom rötlichen Sand, in dem er lief) Diesmal lauter und eindringlicher Pffffuuuuiiiiiiiiii! Ich bekam langsam Panik, sah mich schon mit Bisswunden übersät im Dreck liegen. Meine jämmerlichen „Pfui’s“ lockten jedoch leider nur noch mehrere streunende Hunde an und ob Sie’s glauben oder nicht, am Schluss war ich von sechs dieser wilden Tiere umringt und vor lauter Fuchtelei und „weg mit Euch“ fiel mir der Akku meine Kamera in den Dreck und ich wusste ich musste mich nun bücken um die Batterie aufzuheben, da ich ohne sie nicht auskam. Auf diesen Moment warteten diese klugen Kerlchen vermutlich. Ich war für einen kurzen Moment auf gleicher Höhe und genau diesen Moment nutzen sie für ihr Manöver. Sie sprangen an mir hoch, gleichzeitig auf mich drauf (den Rücken) und jaulten während dieses Überfalls fürchterlich. Da ich die Tiere nicht treten wollte oder ihnen weh tun, fluchte ich statt dessen unbeholfen vor mich hin. Schliesslich entfuhr mir ein „go away“ und tatsächlich liessen sie von mir ab. Meine Arme, mein schönes Kleid waren von braunen Flecken übersät, und ich hatte kein weiteres festliches Kleid dabei, das ich hätte wechseln können. Ausserdem wollte ich unter keinen Umständen nochmals den gleichen Weg zurück und von vorne gehen. Es blieb mir nicht anderes übrig als so dreckig wie ich war meiner Schwester an ihrer Hochzeit gegenüberzutreten. Zum Schock des Hundeüberfalls kam noch, dass ich mich ziemlich beschämt fühlte beim Gedanken den Verwandten so gegenübertreten zu müssen. Was mochten diese Leute bloss von mir denken. Leider verstanden sie kein Englisch, so dass ich ihnen meinen schmutzigen Aufzug nicht erklären konnte. Ich eilte schnurstracks in die Toilette und versuchte das Schlimmste zu beheben. Zum Glück konnte ich einiges retten und am Schluss konnte man nur mit ganz genauem Hinsehen das Malheur erkennen. Gabriele war froh dass mir nichts Gröberes passiert war (ich übrigens auch...) und fand die ganze Situation mehr lustig als dramatisch. Typisch Gabriele!

Sie sieht wunderschön aus in ihrem traditionellen Gewand. Nebst traumhaft edlem Spitzen-Sari schmücken sie viele goldene Halsketten und Fingerschmuck und orientalische Kettchen das Haar. Zu aller Pracht hält sie einen märchenhaften Brautstrauss aus Dutzenden weissen, echten Blüten. Ein Wunderwerk, bei uns sicherlich unbezahlbar!

Ihr Gemahl ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht parat, ihm wird noch in sein königliches Gewand geholfen. Wenn Sie später die Bilder sehen, erkennen Sie, dass man da einen oder mehrere Helfer braucht um in diese Garderobe hineinzukommen. Alleine schafft man das kaum. Inzwischen nutzt der Fotograf die Gunst der Stunde und macht die ersten Aufnahmen der Braut. Ich wundere mich mit welcher Sicherheit und Ruhe er das durchführt, denn im Schlafzimmer der Brautleute sieht es aus wie im Bazar. Überall stapfen, stehen und hocken fremde Leute herum (Verwandte des Bräutigam, wie ich erfuhr) vor allem aber um die saubere Toilette zu benutzen. 

(Aaaha!....Leider habe ich kein Foto am Ende des Tages dieses Zimmers gemacht, so nach der Devise-vorher-nacher. Es ist wirklich kaum zu glauben, diese Menschen haben es innerhalb eines Tages geschafft einen völlig sauberen, angenehmen Ort in einen unansehnlichen, dreckigen, unordentlichen und stinkenden zu verwandeln. Ich erspare Ihnen die unappetitlichen Details aus der Toilette. Es langt wenn Sie erfahren dass das Bett aussah als ob eine Schlacht darauf stattgefunden hat. Alles verwühlt, schmutzig und zerfleddert. Scheinbar liegt das in der Natur der Einheimischen, denn wenn man sich privat in ihren Unterkünften umsieht, kann man ähnliche oder sogar noch schlimmere Zustände erkennen. Meine Schwester und ihren Mann sollte am Abend beinahe der Schlag treffen, als sie dieses unzumutbare Chaos sahen, in dem sie ihre Hochzeitsnacht verbringen sollten, und waren gezwungen erst mal ein Putzteam kommen zu lassen, bevor sie ihr Bett und Bad benutzen konnten!)

Der Fotograf modelt kurzerhand das Zimmer zum Fotostudio um, packt Schirme und Kameras aus und stellt die Braut in Szene. Ich sollte an diesem Tag erfahren dass ich über eine aussergewöhnliche Gabe verfügte. Nämlich immerzu dem Fotografen im Weg zu stehen. Das fing schon morgens bei den ersten Aufnahmen an. Er war jedoch mit einer übergrossen Portion Humor gesegnet und grinste mir jeweils mit seinen schneeweissen Zähnen schelmisch zu. 

Also, ich könnte Ihnen noch seitenlang über das was nun kommt berichten, ich entscheide mich jedoch für die Kurzversion. Der Bräutigam kommt inzwischen, zugepackt in seine Gewänder, wie ein Fürst aus seinem Zimmer und wird natürlich von allein bestaunt und beglückwünscht. Zur Zierde trägt er einen kurzen goldenen Säbel längs über der Brust und ein grosser auffälliger Ring (für den ihn jede modebewusste Frau beneidet hätte) mit Farbstein schmückt seine Hand. Gabriele darf ihn einer Tradition nach jetzt noch nicht sehen, erst muss er ausser Grundstücks gebracht werden um auf einem geschmückten Elefanten, den er eigenbeinig und ohne Hilfe bestiegen hat, zu seiner Holden geritten zu kommen. Wir, das sind die Verwandten, der Fotograf und ich, begleiten ihn dabei, und während er stolz daher reitet, eskortiert ihn eine Gruppe von Einheimischen Tänzern mit Gesang, Musik und Ritualen. Das sieht mächtig toll aus, hört sich auch eindrücklich an, und ich bin bemüht die besten Momente auf Video aufzunehmen, stehe jedoch irgendwie immer am falschen Ort. Hinter allen, zu weit vorne oder eben dem Fotografen mitten im Weg. Ja, mit meiner Videokunst ist’s nicht weit her...

Chandika traf nach seinem nicht ganz ungefährlichen Elefantenritt also endlich auf seine Braut und es fand die erste Zeremonie im Hotel statt. Dazu mussten die beiden vor ein Podium treten und sich einer ganz genauen Abfolge von Ritualen unterziehen. Dass ich auch noch dazu mit einbezogen wurde, war für mich natürlich eine Ehre, es war mir jedoch auch etwas flau zumute, da ich hoffte alles richtig zu machen. Der Zeremonienmeister, ein älterer, ernst wirkender einheimischer Mann, begann also mit grosser Ernsthaftigkeit seine Rede. Gabriele bat mich davor extra das Handy auszuschalten, damit man nicht gestört werden möge. Irgendwie überging ich diese Anordnung jedoch grosszügig und in der Stille und Feierlichkeit, mit durchaus ernsthaftem Charakter, klingelte es plötzlich laut und klar aus meiner Handtasche. Da ich gespannt auf meinen Einsatz während dieser Prozedur wartete, erschrak ich und riss umständlich das Telefon heraus. Urs, mein Liebster war am Draht und hörte voller Begeisterung das Murmeln und mantra-artige Gebrummel des Zeremonienmeisters. Auf den erbosten Blick meiner Schwester will ich hier lieber nicht näher eingehen....

Ja, so bekam Urs doch noch live einen innigen Moment der Hochzeit mit, obwohl er nicht hier war. Ist doch toll, oder? Also, ich erfüllte meinen schwesterlichen Einsatz doch noch zur Zufriedenheit und musste einem weiteren Ritual nach, Gabriele frische, grosse grüne Baumblätter reichen, in die Münzen eingewickelt waren, die sie wiederum ihrem Mann übergeben musste, damit er sie schliesslich auf dem Boden schmiss...Ja...... also, wie der Spruch schon besagt, andere Länder - andere Sitten. Ausserdem wurde mit einem grossem Hackebeil grobschlächtig eine Kokosnuss zerhackt, die beiden mussten sich gegenseitig mit seltsamen Esswaren füttern, ihrer beide Hände wurden symbolisch mit einer Schnur vereint und eine Menge anderer Rituale gehörten zu dieser aussergewöhnlichen Hochzeit. Wichtig sei noch zu erwähnen, dass die Ringe genau am Nachmittag zu festgelegter Minute getauscht werden mussten! Noch ein Ritual also. Dazwischen nahmen die beiden auf einem extra hergebrachten samtenen, roten Sofa Platz, um für weitere Fotos zu posieren. Da durfte ich mich mal dazu setzen – Klick- mal die Mama von Chandika – Klick - mal die Verwandten...und so ging das weiter bis in alle Ewigkeit. Es fanden sich sogar Urlauber dort ein, die so angetan waren von der ganzen Hochzeitsatmosphäre, dass sie sogar fragten ob sie sich auch aufs Sofa setzen dürfen um selbst fotografiert zu werden. Mit der Zeit wurde es etwas lästig, obwohl uns alle mit grosser Freundlichkeit begegneten und die Brautleute mit vielen Glückwünschen überhäuft wurden. Ist ja klar, für uns Europäer ist das schon aussergewöhnlich. Damit Gabriele während ihres grossen Tages nicht verdurstete, war es unter anderem meine Aufgabe ihr Wasser hinterherzutragen. (Ja, im wirklichen Sinn der Worte!) Da für uns Ausländer das einheimische Wasser als höchst infizierend und keimverseucht gilt, hatten wir immer eine eigene PET-Flasche dabei, in die reines, sauberes Wasser abgefüllt war. Da sie kaum den ganzen Tag mit der Plastikflasche in der Hand herumlaufen konnte, überliess man mir diese Aufgabe. 


Ja, und so könnte ich noch viel kleinere oder grössere Episoden aufzählen. Am Rande sei erwähnt dass mich ausgerechnet an diesem Tag mein Gebiss plagte. (Das tönt als ob ich Unechte hätte, nein, gemeint sind damit natürlich die echten, eigenen!) Es kam vor, dass ich ab und zu ohne medizinischen Grund Kieferschmerzen bekam. Es war leider so schlimm dass ich zur Medizin greifen musste und kaum das leckere Mittagessen kauen konnte. Ausserdem setzte mir der Bass der extrem lauten Musik so zu, dass ich bei jedem bumm, bumm glaubte, dass mir der Ton direkt in den Nerv fuhr. Ich war gezwungen mich kurzfristig aus dem Lärmpegel zu verkrümeln und während des Mittagessens konnten gute Beobachter weisse Watte-Büschel in meinen Ohren erkennen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich sehr froh war als es dann Nachmittag, und schliesslich früher Abend wurde. Das Ende der Hochzeit nahte, es war schliesslich kurz vor 17.00 Uhr. Dieses frühe Ende ist in Sri Lanka normal, bei uns würde es jetzt wohl richtig los gehen! Die letzten Besucher waren also verabschiedet und ehrlich gesagt, wir waren alle am Ende! Völlig erledigt und ausgepumpt. Der extreme Stress der letzten Woche bahnte sich nun voll seinen Weg und brach mir aller Wucht durch. Wir sassen wie die halbtoten Fliegen am Tisch, während um uns herum die Angestellten die Böden reinigten und die alte Ordnung wieder herstellten. Wir hatten kaum mehr Kraft um uns woanders an einen gemütlicheren Ort zu verziehen. Gabriele sah sehr müde und mitgenommen aus, leider viel mir das schon den ganzen Tag über auf. Vielleicht sollten Sie an dieser Stelle erfahren, dass meine Schwester erst einige Monate zuvor in dieses Land ausgewandert ist, inzwischen Land gekauft hat, ein grosses Projekt am Laufen hat, die Hochzeit organisiert und sehr viel in kurzer Zeit erreicht hat, wo andere sehr viel länger dazu brauchen, oder vorher kapitulieren. Es war also nicht nur der Stress der kurzfristigen Hochzeit, der ihr nun so zusetzte, sondern die zig Monate intensivstes Reinknien in ein Projekt, das ihre Lebensaufgabe darstellt. Ich bin sehr stolz auf meine Schwester, ich kenne wenige Menschen, die einen solchen Mut an den Tag legen, wie sie das tut. 

Ja, und dann kann der Schreck als die beiden ins Zimmer zurückkamen, und den abstossend verunstalteten Raum vorfanden. Also nochmals aufraffen und wieder Energie mobilisieren. Ich war zum Glück besser drauf, war aber auch froh, endlich allein im Zimmer zu sein und Ruhe zu finden. Urs hätte ich jetzt natürlich gerne in meiner Nähe gehabt, ich verzog mich jedoch auf den winzig kleinen Balkon, der zum Zimmer gehört und dachte nochmals an den Tag zurück, schrieb meine Eindrücke in mein Notizbuch, das inzwischen immer grössere Dimensionen annahm.

Trotz der Abenddämmerung und der einbrechenden Nacht fühlte ich mich plötzlich wieder wach und lebendig. Mensch, das war ein Tag... Ich musste die vielen Eindrücke erst einmal sortieren und verdauen. Mir gingen jetzt in der Stille unzählige Gedanken durch den Kopf. Der Moment als Gabriele und Chandika frisch vermählt waren (ja das war schon berührend), als die beiden ihre unzähligen Geschenke auspackten, und leider viel Kram und Unnützes zum Vorschein kam, die selbstlose Herzlichkeit von Chandikas Verwandtschaft, der nur halb leer gegessene Teller von Gabriele (sie konnte das viel zu scharfe Hochzeitsmahl kaum essen) und die Isolation unseres Tisches von den anderen. Ich konnte unschwer erkennen dass sich meine Schwester trotz des Traumlandes, in dem sie sich ja nun befand, doch in manchen Dingen schwer tat, zum Beispiel bei der Integrierung in die fremde Familie, was ich auch gut verstehen konnte.

 

So langsam forderte der überaus anstrengende Tag seinen Tribut und mir vielen fast die Augen zu. Leider wiederholte sich die Nacht fast bis auf’s i-Tüpfelchen der vorangegangenen, nur dass es noch schwüler und stickiger war. Der frische Morgen brachte dann endlich die lang ersehnte Linderung. Ich war jedoch so erledigt und belämmert, dass ich den unerträglichen Weckruf zig mal in die Warteschlange verwies. Es half nichts, ich musste raus, also dann halt jetzt. Ich versuchte mich mit einer erfrischenden Dusche in Taglaune zu bringen und es gelang mir tatsächlich. Ja, so ein grober kalter Wasser-Strahl kann auch mal was gutes sein! Ich verliess mein Zimmer und hatte plötzlich das seltsame Gefühl, in dieser Nacht der einzige Gast überhaupt in dem riesigen, dunklen und verlassenen Hotel gewesen zu sein. Nicht gerade ein erbaulicher Gedanke im Nachhinein...Ich musste durch zig Gänge und labyrinthartige Katakomben streifen, um ins Freie zu gelangen und entdeckte dort ein schönes Geschäft, das mit allerlei handgefertigten Figuren und Gegenständen aus Sri Lanka vollgestopft war. Ich suchte nach einem indischen Elefanten, aus Holz, fand jedoch keinen der mir so gut gefiel, dass ich ihn zuhause täglich ansehen wollte und entschied mich, ohne einen Einkauf zu gehen, was natürlich nicht so gerne gesehen wurde.

 

Schliesslich entdeckte ich meine Schwester auf der Terrasse des Hochzeitshotels. Dort verspeiste ich mit grossem Appetit ein Omelett, welches mir ganz gut schmeckte. Die geschwollenen Augen meiner Schwester hatte ich natürlich gleich entdeckt, was mir Sorgen machte. Auf mein Drängen hin rückte sie mit der traurigen Wahrheit heraus. Das unzumutbare Trinkverhalten der Freunde des Bräutigams mit ihren primitiven Ausschweifungen war Gabriele ein Gräuel und auch die sorglose, ungezwungen freche Art, mit der die Verwandten das Hochzeitszimmer in einen üblen Schweinestall verwandelt hatten, sorgten für Tränen, die ich nur zu gut nachvollziehen konnte. Ich schäumte innerlich und hatte grosses Mitgefühl für meine Schwester. Sie hatte wahrlich besseres verdient. Wir waren einhellig der Meinung, dass jetzt der Zeitpunkt war, unsere Zelte hier abzubrechen und uns auf den Heimweg zu machen. Um uns jedoch in eine bessere Stimmung zu bringen, entschlossen wir uns noch kurz für eine Blitz-Shopping-Tour, danach gings zurück ins Haus der Brautleute. Während der eintönigen Fahrt kramte ich meinen Pass aus der Tasche, blätterte ziellos darin herum und bemerkte plötzlich mit Schrecken, dass ich darin keinen Einreisestempel fand. Ich wurde ziemlich unruhig und sah mich schon in einer Arrestzelle beim Zoll, wo ich mich beim Versuch der Ausreise um Kopf und Kragen rede, als mich schliesslich meine Schwester rettete. Sie entdeckte den elenden Stempel, der mir solche Sorgen bereitet hatte. Gott sei Dank! Ich beruhigte mich und nach Stunden erreichten wir unser Ziel mit steifen, verkrampften Gliedern. Mein Schwager sauste voraus, um uns die Haustüre zu öffnen, nestelte jedoch, wie es mir schien, am Schloss herum. Was gibt’s denn da, fragte ich mich im Stillen. Die Türe ging nicht auf, und sämtliches Stemmen und Würgen führte dazu, dass der gemeine Schlüssel tatsächlich noch abbrach! Auch das noch, das musste man sich mal vorstellen! Da keiner einen Ersatzschlüssel hatte, war Chandika gezwungen zum Vermieter zu fahren. Toll, da sassen meine Schwester und ich also im Schatten, hatten kein Wasser mehr und bekamen beide einen dröhnenden Schädel. Das war der Moment wo ich mich so richtig auf mein eigenes Zuhause in der Schweiz freute, wo ich es kaum mehr aushielt, noch eine Minute länger ohne Urs zu sein. Mir wurde schlagartig bewusst in welch einem Luxus wir dort leben und nahm mir vor, diesen künftig bewusster wahrzunehmen und zu schätzen. Irgendwann kreuzten schliesslich Schwager und Vermieter auf und es wurde mächtig an der Haustüre herumhantiert. Alles nutzlos, der Typ holte schliesslich eine gewaltige Brechstange aus dem Auto und brach die Haustüre auf. Hurra, ich konnte endlich auf die Toilette. Wir waren alle froh, wieder ins Haus zu können. Schliesslich stand meine letzte Nacht bevor und ich zog es vor, diese im Bett inhäusig zu verbringen. Meine Schwester hatte für den letzten Abend noch eine sehr liebe Überraschung für mich parat. Sie lud mich in die Terrena Lodge ein, eines ihrer Lieblingsrestaurants, das von einer sympathischen Österreicherin geführt wurde, wo man auch ausgezeichneten Kaiserschmarrn zu essen bekam. Ha, ich hatte wenn ich ehrlich war, schon lange auf diesen Moment spekuliert, da ich von Gabriele nur das Beste darüber zu hören bekam. Das kleine, aber feine Restaurant erwies sich als wirklich charmant und bezaubernd. Man sass im Freien in einer Art überdachten Pavillon direkt am See. Der Pavillon war mit zig unsichtbaren Glühlämpchen versehen, die wie von Zauberhand ein märchenhaftes Licht hervorbrachten. Romantik pur! Welch traumhafter letzter Abend.

 

 

Es geht nach Hause

 

Ja, und dann liebe Leser, ging’s für mich nach Hause. Einmal auf dem Rückweg freute ich mich über jeden Meter, den ich Urs und der Heimat näher kam. Ich sehnte mir den Moment des Wiedersehen ganz fest herbei und konnte meine Ungeduld kaum bezähmen. Aber erst mal musste ich ja mit meinem Pass zum Zoll...

 

Meine Schwester wollte mir Tee mit nach Hause geben, was ich wenn ich ehrlich bin, ängstlich ablehnte. Wer weiss was die vom Zoll davon halten würden.... Meine grösste Sorge war, in solch einem Land aus irgend einem blöden Grund unschuldig festgehalten zu werden. Da jeder Reisende systematisch kontrolliert wurde, wolle ich kein Risiko eingehen. Den vielen guten Tipps für’s Zollprozedere (tatsächlich, die beim Zoll stocherten doch wirklich mit ihren Zollstöcken in meinem Gepäck), folgten die letzten Umarmungen und lieben Gesten, dann verliess ich Gabriele und Chandika, verliess Colombo und schliesslich Sri Lanka.

 

Der Flug von Colombo nach Male dauerte gerade mal 20 Minuten. Ich hatte eine ganz komische Stimmung in mir. Eine Mischung aus Erleichterung und Bedrückung. Als ich jedoch Male erblickte, erschloss sich mir eine ganz unglaubliche Welt. So etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen. Faszination, Zufriedenheit und Glücksgefühl wechselten sich ab. Der atemberaubende Anblick währte leider viel zu kurz, wir landeten bald darauf. In Male hatte ich wieder Glück, ich sass in der Wartehalle neben einer netten Frau mit Ihrer Tochter. Wir kamen ins Gespräch und die Mutter entpuppte sich als Hebamme aus Lausanne, was für sehr interessanten Gesprächsstoff zwischen uns sorgte.

 

Schliesslich gings auf zur letzten Etappe ans Ziel.

 

Male – Zürich.

 

Liebe Leser, wie Sie annehmen können, bin ich gut nach Hause gekommen. Der Alltag hat mich wieder, ich bin aber um wichtige Erkenntnisse und Eindrücke reicher. Diese Reise bedeutet mir sehr viel. Schön, dass Sie mich dabei ein Stück begleiten konnten.

 


© Yvonne Kunz, 2008