Von Hexenschüssen und Doktoren

Kürzlich machte ich es mir in der Stadt so richtig bequem, das Wetter war herrlich, die Leute gutgelaunt, ha wenn dies kein Moment ist, um in einem hippen Strassencafé einen Espresso zu schlürfen. Ich führte gerade die kleine, heisse Tasse zum Mund und hatte schon den verführerisch typisch bitter herben Duft in der Nase, als ich aus dem Augenwinkel einen Bekannten daher laufen sah. Mensch, der sieht immer noch gleich aus, denke ich mir im Stillen. Seit zig Jahren die gleiche sportliche Figur, kaum Falten, kein Haar weniger, ja dieser Kerl scheint wirklich Glück zu haben!

Wie er mir gleich in allen Facetten erzählen wird, habe ich mich gründlich getäuscht. Massive Rückenprobleme machen ihm das Leben so ziemlich zur Hölle, gestenreich und bekümmert erklärt er mir was er alles nicht mehr kann und darf……

....und plötzlich bin ich in der Vergangenheit...

Mein Vater sitzt im Auto, hat den Wagen soeben in die Garage gelenkt und will aussteigen. Was für die Inder die heilige Kuh ist, ist für meinen Vater sein Auto. Kein Kratzer, der unentdeckt bleibt, kein Geräusch das unerhört bleibt, kein seltsames Fahrverhalten, dem nicht sofort nachgespürt wird. Mein Vater fährt super gerne nachts, und wenn es sich einrichten liess, ging es in den Urlaub, wenn andere entspannt in ihren Betten lagen. Weder unser kindliches Jammern, noch ein Blick in unsere müden, unausgeschlafenen Augen konnten ihn umstimmen. Schliesslich wartete eine tolle, lange Autofahrt, und wenn Papa fahren wollte, fuhr Papa!

Ja, und dann konnte mein Vater einen ganz besonderen Augenblick mit seinem geliebten Auto teilen…

Meine Mutter, meine Schwester und ich steigen aus (wir mussten jeweils draussen ein-und aussteigen, schliesslich könnte die Autotüre sonst an der Mauer scheuern). Papa fährt in die Garage und will aussteigen. Warum kommt er nicht? Wir blödeln draussen, vermutlich hat er einen suspekten Fleck im Polster entdeckt, der muss natürlich sofort sauber geschäumt werden. Während wir uns den wildesten Gerüchten hingeben, sitzt mein armer Vater starr vor Schmerzen im Sitz. Auweija, vielleicht hat er es diesmal tatsächlich mit der Schrubberei übertrieben, wir wissen’s nicht mehr. Ein wirklich übler Hexenschuss war die Folge, und kein normaler Mensch schafft es, sich mit dieser Diagnose aus dem engen Auto an der engen Garagenwand entlang nach draussen zu winden. Meine Mutter muss unseren Hausarzt alarmieren, der mit seinen geschätzten 80 Jahren auch nicht mehr der Schnellste war. (Ich muss aber schon sagen, diesmal war das Kerlchen saumässig schnell!)

Welch Spektakel, die Nachbarschaft hat inzwischen auch mitbekommen, dass Papa schmerzverzerrt und starr wie ein Karnickel im Auto sitzt… Nun ist aber endlich Hilfe im Anmarsch, der Doktor stürzt hinkend mit seiner vollgestopften Tasche herbei. Während mein Vater stöhnend im Auto sitzt und nicht mehr weiss, wie der die Beine noch halten soll, höre ich ein weiteres Keuchen. Der Doktor will sich von hinten ins Auto zwängen, um meinem Vater eine Spritze zu verabreichen. Man konnte nicht mehr unterscheiden, wer hier eigentlich der Patient war. Meine Güte, wann hört das endlich auf!

Das steife alte Kerlchen hat es plötzlich geschafft, das Schmerzmittel war verabreicht und endlich kehrte Ruhe ein.

Ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr, wie mein Vater zum Auto raus kam, ob er den Wagen vor die Garage fuhr und dort ausstieg oder sich wie eine Nacktschnecke an der Mauer entlangtastete, ich habe keinen blassen Schimmer..

…keine Koffer mehr schleppen…. Ich war wieder im Hier und Jetzt und hörte meinen Bekannten jammern und klagen.

Nach dieser kummervollen Unterhaltung stieg ich in meinen Weinkeller und holte eine Flasche Rejon 2014 heraus, entkorkte das wunderbare Getränk, genoss den üppigen Schmelz, die feine würzige Aromatik und die sagenhafte Dynamik. Ja, das Leben war wieder in Ordnung…

Juni 2016 Copyright by Yvonne Kunz